Allgemeines
Eine Literaturrecherche kann auf unterschiedliche Art und Weisen durchgeführt werden. Entscheidend bei der wissenschaftlichen Recherche ist das systematische Vorgehen.
Ziel
Ziel ist es den Stand der Forschung und/oder Technik zu erfassen, um so zwei Erkenntnisse zu gewinnen:
- Überblick über das Themengebiet und
- Auffinden von einer oder mehreren „Lücken“ im Themengebiet.
Beachte: Die Vorgehensweise muss nachvollziehbar sein!
Das bedeutet neben dem Nennen der zugrunde liegenden Quellen, auch die Vorgehensweise genauestens zu beschreiben. Hilfreich ist es sich beim Aufschreiben klar zu werden, kann eine Person, die noch nie etwas mit der Arbeit zu tun hatte, mit der Beschreibung die Literaturrecherche durchführen und kommt zu den gleichen Ergebnissen?
Durchführung
Schritt-für-Schritt-Anleitung für eine Literaturrecherche
Dieser Abschnitt richtet sich insbesondere an zwei Gruppen.
- Die erste Gruppe sind Studierende. Sie schreiben eine Haus-, Bachelor- oder Masterarbeit.
- Die zweite Gruppe sind Praxisleute, die sich schnell einen fundierten Überblick zu einem Thema verschaffen wollen.
Die folgenden Schritte haben sich in der Praxis bewährt und lassen sich auf die meisten Themen übertragen.
1. Thema eingrenzen
Formuliere das Thema so konkret wie möglich. Beispielsweise könnte in diesem Fall anstelle von "Digitale Transformation" auch "Digitale Transformation in kommunalen Verwaltungen in Deutschland" gewählt werden. Notiere außerdem zentrale Begriffe, Synonyme und englische Übersetzungen. Diese Liste dient später als Grundlage für die Suchbegriffe.
2. Suchbegriffe und Synonyme sammeln
Erstelle eine strukturierte Liste mit:
- Fachbegriffen (z.B. „E-Government“, „Public Sector“, „Digital Government“)
- allgemeineren Begriffen (z.B. „Verwaltung“, „Behörde“)
- englischen Begriffen und gebräuchlichen Übersetzungen Ergänze außerdem eng verwandte Konzepte, etwa „Organisationswandel“, „Change Management“ oder „IT-Modernisierung“.
So wird sichergestellt, dass nicht an wichtigen Artikeln vorbeigesucht wird, die leicht andere Begriffe verwenden.
3. Passende Datenbanken auswählen
Prüfe, auf welche Datenbanken du Zugriff hast (z. B. über die Bibliothek deiner Hochschule oder deiner Organisation). Für Themen der Wirtschaftsinformatik kommen häufig Scopus, Web of Science, EBSCO, AIS eLibrary, IEEE Xplore oder ACM Digital Library in Frage. Lege fest, welche dieser Datenbanken du für dein Thema nutzen willst und warum. Dokumentiere diese Entscheidung kurz.
Wie wähle ich nun die richtige(n) Datenbank(en) für die Literaturrecherche aus?
Datenbanken umfassen meist größere Themenbereiche und Fachgebiete. Die abzufragende Datenbank muss so gewählt sein, dass das Ergebnis stets nachvollzogen werden kann. Das Ergebnis selbst sollte nicht einseitig sein beispielsweise nur Literatur aus dem deutschsprachigen Raum, wenn das Thema im europäischen Raum vorortet ist. Achtung hier auch prüfen, ob das Thema international auch diskutiert wird und wenn ja wie. Beispiel: Die Datenbank Google liefert zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Ergebnisse. Stattdessen empfiehlt sich eine Datenbank mit wissenschaftlichen Artikeln, die aus dem Themenbereich sind. Beispielsweise ist das Thema der Arbeit: „Digitale Transformation“. Dann wird erwartet im Bereich der Informatik oder Wirtschaftswissenschaften geeignete Treffer zu finden.
4. Suchstrings mit boolschen Operatoren bilden
Kombiniere deine Begriffe mit AND, OR und NOT, um präzisere Suchanfragen zu formulieren. Ein möglicher Startpunkt für das oben genannte Thema könnte sein:
"digital transformation" AND "public sector" AND (government OR administration)
Starte mit eher breiten Suchanfragen, verschärfe sie bei zu vielen Treffern (z. B. Einschränkung auf bestimmte Jahre oder Dokumenttypen) und lockere sie bei zu wenigen Treffern wieder.
5. Grobsichtung der ersten Ergebnisse
Lies Titel, Abstract und – falls nötig – die Einleitung, um zu entscheiden, ob ein Beitrag zu deiner Fragestellung passt. Sortiere Arbeiten aus, die thematisch deutlich abweichen, zu alt sind oder nicht den Charakter eines wissenschaftlichen Beitrags haben (z. B. reine Meinungsartikel ohne Quellen).
6. Auswahl und Vorgehen dokumentieren
Halte in einer einfachen Tabelle fest:
- Datum der Suche
- verwendete Datenbank
- eingesetzter Suchstring
- Anzahl der Treffer
- Anzahl der ausgewählten Beiträge
- kurze Kommentare (z.B. „viele Dubletten“, „stark techniklastig“)
Mithilfe dieser Dokumentation kannst du das Methodik-Kapitel schreiben und deine Recherche gegenüber Betreuungspersonen oder Prüferinnen und Prüfern transparent und nachvollziehbar machen.
7. Vorwärts- und Rückwärtssuche nutzen
Nutze das Literaturverzeichnis besonders relevanter Beiträge, um ältere Grundlagenarbeiten zu finden (Rückwärtssuche).
Mit Funktionen wie „Cited by“ in Google Scholar oder in Zitationsdatenbanken identifizierst du neuere Arbeiten, die auf deinen Kernartikeln aufbauen (Vorwärtssuche). So vertiefst du dein Themenverständnis Schritt für Schritt und reduzierst das Risiko, wichtige Beiträge zu übersehen.
8. Ergebnisse strukturieren
Überlege, nach welchen Gesichtspunkten du die gefundenen Beiträge ordnest – etwa nach Themenbereichen, verwendeten Methoden, untersuchten Ländern oder betrachteten Zielgruppen.
Eine einfache Konzeptmatrix, in der jede Zeile einen Artikel und jede Spalte ein zentrales Konzept repräsentiert, hilft dir, Muster und Forschungslücken zu erkennen.
Wie gehe ich als Wirtschaftsinformatiker mit einer spezifischen Literatursuchmethode vor?
Zum Vorgehen einer Literaturrecherche in den Einzelschritten ist die Literatur indifferent. Auf der anderen Seite herrscht Konsens in der Art und Weise - sie erfolgt nach einem festgelegten System. Ansonsten ist eine Literatursuche an den Kontext anzupassen. Am Anfang gilt es lesen und noch mehr lesen und anschließend den Berg von Informationen aus dem Literatur-Djungle (s. Abbildung 1) aufzubereiten, sodass der Forscher und die Leserschaft vermögen daraus Rückschlüsse zu ziehen.
Die für den Kontext der Wirtschaftsinformatik bedeutendsten sind: Webster und Watson (2002), Fettke (2006) und vom Brocke et al. (2009).
Vom Brocke et al. (2009) schlagen fünf aufeinander aufbauende Schritte vor:
- Definition des Suchraumes,
- Konzeptualisierung des Themas,
- Literatursuche,
- Literaturanalyse und -synthese sowie
- Forschungsagenda
Der Aufbau gestaltet sich systematisch und klar, sodass die Argumentation für einen Dritten nachvollziehbar ist. Für ein verständlicheres Bild bietet es sich an die Schritte mit Methoden durchzuführen, welche in der Literatur vorhanden sind. Vom Brocke et al. (2009) schlagen vor die Konzeptionalisierung beispielsweise mit der Taxonomie von Cooper (1988) durchzuführen. Cooper (1988) unterteilt die Suche in sechs näher zu beschreibende Ausprägungen:
- Fokus,
- Ziel,
- Perspektive,
- Umfang,
- Aufbau und
- Zielgruppe.
Die Ausprägungen unterteilen wir in Kategorien. Der Forscher entscheidet anhand von Argumenten, welche Kategorien er in der Arbeit eingehender untersucht. Tabelle 1 zeigt die Aufteilung nach Cooper (1988).
Die Schritte iii und iv können in Anlehnung an Webster und Watson (2002) erfolgen oder nach Fettke (2006).
Der Schritt v gibt die in der Literatur gefundenen Forschungslücken wieder. Eine Forschungslücke ist ein neues zu erreichendes Erkenntnisinteresse, das bisher nicht erklärt wurde. Es bietet sich an nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten in den Texten zu suchen. So weisen Unterschiede auf eine Forschungslücke hin, wie die Praxis nutzt visuelles Feedback während in der Forschung akustisches Feedback als signifikant besser identifiziert wurde. Somit stellt sich die Frage: Warum nutzt die Praxis kein akustisches Feedback?
Wie funktioniert die Suche in der Wirtschaftsinformatik?
Eine Anleitung für die Suche im Basket of Eight findet sich unter AIS - "Basket of Eight".
Die gefundene Literatur wird auf Relevanz (siehe Ranking und Impakt in der Wirtschaftsinformatik) für die Thematik untersucht. Meist mittels Codierung. Daran schließt sich die Vorwärts- und Rückwärtssuche an. Abschließend wird eine Konzeptmatrix erstellt, aus der die weiteren Erkenntnisse gewonnen und zur Diskussion gestellt werden.
Wie können wissenschaftliche Artikel mit Google gefunden werden?
Wissenschaftliche Artikel finden mit Google - ist essenziell für eine Abschlussarbeit. Schließlich fehlen Artikeln aus der Praxis oft die Quellen und der notwendige wissenschaftliche Diskurs.
Vorteile:
- Schneller Überblick
- Scholar.Google wird ständig erweitert
- Zitationszahlen decken mehr ab als kontrolierte Datenbanken
Nachteile:
- Teilweise fehlen entscheidende Artikel
- Nachvollziehbarkeit geringer wegen des Erweiterns und der verändernden Reihenfolge der Artikel
- Kein Datendownload
- Fehlende Qualitätskontrolle und Indizierungsrichtlinien
Zusammenfassend ist eine Scholar.Goolge-Suche für einen schnellen Überblick zielführend. Für eine systematische Literaturrecherche sind Datenbanken wie EBSCO oder Scopus geeignet.
Checkliste: Habe ich systematisch recherchiert?
Die folgende Checkliste kannst du vor der Abgabe einer Arbeit oder vor dem Abschluss einer Recherche nutzen:
- Ist mein Thema klar eingegrenzt (Fachgebiet, Zielgruppe, Zeitraum, Region)?
- Habe ich zentrale Fachbegriffe, Synonyme und englische Begriffe definiert?
- Habe ich mindestens eine fachspezifische Datenbank genutzt und nicht nur Google oder Google Scholar?
- Sind meine Suchstrings, Datenbanken und Suchdaten dokumentiert?
- Habe ich vorab Kriterien festgelegt, nach denen ich Beiträge auswähle oder ausschließe (z.B. Zeitraum, Sprache, Peer-Review, Publikationstyp)?
- Habe ich eine Vorwärts- und Rückwärtssuche durchgeführt?
- Sind die ausgewählten Quellen in einer Tabelle oder Konzeptmatrix strukturiert?
Was sind typische Fehler in studentischen Arbeiten?
Bei den zahlreichen Arbeiten, die ich im Laufe meiner Promotion betreuen durfte fiehlen einige Fehler besonders auf, so tauchten in der Begutachtung von Arbeiten immer wieder ähnliche Probleme auf. Häufig wird ausschließlich mit einer allgemeinen Google-Suche gearbeitet, ohne Angabe der verwendeten Begriffe oder des Zeitpunkts der Recherche. Ebenfalls verbreitet ist ein starker Fokus auf nur einen Sprachraum beispielsweise deutschsprachige Literatur, obwohl das Thema international diskutiert wird.
Ein weiterer Fehler ist die Auswahl von Quellen ohne klare Kriterien, die dann mit Formulierungen wie „ich fand diese Quelle interessant“ begründet wird. Problematisch ist außerdem, wenn kaum Zeitschriftenartikel oder Konferenzbeiträge genutzt werden, sondern überwiegend Webseiten, Blogs oder populärwissenschaftliche Bücher.
Durch ein bewusstes, transparent dokumentiertes Vorgehen und die Nutzung von Fachdatenbanken lassen sich diese typischen Fehler gut vermeiden.
Kurz gefasst - fehlt häufig die Nennung von:
- durchsuchten Datenbanken,
- verwendeter Stichwörter,
- Eingrenzungen (in der Zeit, in der Anzahl der durchsuchten Quellen),
- Auswahl von relevanter Literatur und
- Anzahl gefundener Quellen.
Hinweis: Die Auswahl von relevanter Literatur findet mithilfe einer Methode statt nicht durch „weil ich diese für relevant hielt“ oder „mein Betreuer mir diese genannt hat“. Eine Auswahl anhand von ich Kriterien ist nicht von allgemeiner Bedeutung. Besser sind Aussagen die einen allgemein verständlichen Grund nennen wie „zur Schaffung eines Domänenverständnisses“ oder „für einen explorativen Überblick“.
Praktische Tips zu Datenbanken und Google Suche
Fachdatenbanken und Google Scholar haben unterschiedliche Stärken, die sich in der Praxis gut kombinieren lassen. Fachdatenbanken bieten meist umfangreiche Filtermöglichkeiten nach Zeitschrift, Erscheinungsjahr, Dokumententyp oder Fachgebiet und ermöglichen einen Export der Treffer in Literaturverwaltungsprogramme.
Für systematische Übersichten sind sie daher oft die erste Wahl. Google Scholar eignet sich dagegen hervorragend, um sich schnell einen Überblick zu verschaffen und Zitationsketten zu verfolgen. Die Funktion „Cited by“ zeigt, welche neueren Arbeiten einen bestimmten Beitrag zitieren, und mit „Related articles“ lassen sich thematisch ähnliche Texte finden.
Über die erweiterte Suche oder Filter am linken Rand kannst du den Zeitraum eingrenzen und so veraltete Literatur ausblenden. In der Praxis hat es sich bewährt, zunächst in ein bis zwei Fachdatenbanken eine systematische Suche durchzuführen und diese Ergebnisse anschließend mit Hilfe von Google Scholar zu ergänzen.
Wichtig ist in jedem Fall, auch bei Google Scholar festzuhalten, mit welchen Begriffen du gesucht hast und zu welchem Zeitpunkt. So bleibt auch diese Rechercheform für Dritte nachvollziehbar und kann in wissenschaftlichen Arbeiten sauber dokumentiert werden.
Weitere Bücher zum Thema Literaturrecherche
Kernliteratur
- Webster, J.; Watson, R.T. (2002): Analyzing the Past to Prepare for the Future: Writing a Literature Review. In: MIS Quarterly, Vol. 26 (2002) No. 2, pp. xiii-xxiii.
- Cooper, H.M. (1988): Organizing Knowledge Syntheses: A Taxonomy of Literature Reviews. In: Knowledge in Society, Vol. 1 (1988) No. 1, pp. 104-126.
- Brocke, J.; Simons, A.; Niehaves, B.; Riemer, K.; Plattfaut, R.; Cleven, A. (2009): Reconstructing the Giant: On the Importance of Rigour in Documenting the Literature Search Process. In: Proceedings of the 17th European Conference on Information Systems. Eds. 2009, pp. 2206–2217.
- Fettke, P. (2006): State-of-the-Art des State-of-the-Art. In: Wirtschaftsinformatik, Vol. 48 (2006) No. 4, pp. 257-266.
Weiterführende Literatur
- Torraco, R.J. (2005): Writing Integrative Literature Reviews: Guidelines and Examples. In: Human Resource Development Review, Vol. 4 (2005) No. 3, pp. 356-367.
- Okoli, C.; Schabram, K. (2010): A Guide to Conducting a Systematic Literature Review of Information Systems Research. In: Sprouts - Working Papers on Information Systems, Vol. 10 (2010) No. 26.
- Onwuegbuzie, A.J.; Leech, N.L.; Collins, K.M. (2012): Qualitative Analysis Techniques for the Review of the Literature. In: Qualitative Report, Vol. 17 (2012), pp. 56.
- Asher, A. D.; Duke, L. M.; Wilson, S. (2013): Paths of discovery: Comparing the search effectiveness of EBSCO Discovery Service, Summon, Google Scholar, and conventional library resources. College & Research Libraries, Vol. 74 (2013) No. 5, pp. 464-488.
- Halevi, G.; Moed, H.; Bar-Ilan, J. (2017): Suitability of Google Scholar as a source of scientific information and as a source of data for scientific evaluation – Review of the Literature. Journal of Infometrics, Vol. 11 (2017), pp. 823-834.
- Dewan, P. (2012): Making the Most of Google Scholar in Academic Libraries. Feliciter (CLA), Vol. 58 (2012) No. 6, pp. 41-42.