Allgemeines
Die Erstellung eines Fragebogens wirkt auf den ersten Blick einfach. In der Praxis ist sie jedoch anspruchsvoll, da Inhalt, Umfang, Ablauf und Zielgruppe sorgfältig aufeinander abgestimmt werden müssen (Porst, 2014).
Zur Strukturierung können vier Leitfragen herangezogen werden:
- Was soll erhoben werden?
- Wie viel soll erhoben werden?
- Wann soll erhoben werden?
- Wer soll an der Umfrage teilnehmen?
Diese vier Aspekte bilden die Grundlage für eine methodisch saubere Fragebogenkonstruktion (Rea & Parker, 2015).
Inhalt
Der Inhalt eines Fragebogens muss sich aus dem Ziel der Erhebung ableiten. Soll beispielsweise die Attraktivität eines Produkts mit der eines anderen Produkts verglichen werden, kann auf etablierte Instrumente wie den AttrakDiff oder AttrakDiff2 zurückgegriffen werden (Südmeyer et al., 2007). Solche Instrumente sind bereits theoretisch begründet und in der Regel empirisch geprüft (Baur & Blasius, 2014).
Auch bei der Anpassung eines bestehenden Fragebogens ist jedoch Vorsicht geboten. Validierte Fragen sollten nicht unreflektiert übernommen werden. Jede Frage muss einen klaren Beitrag zur Zielsetzung leisten. Unklare oder überflüssige Fragen erhöhen die kognitive Belastung der Teilnehmenden und können die Datenqualität beeinträchtigen (Porst, 2014).
Fragebögen können außerdem aus der Fachliteratur abgeleitet oder durch Expertendiskussionen entwickelt werden. Beide Wege dienen dazu, relevante Konstrukte systematisch zu identifizieren und in geeignete Items zu übersetzen (Diekmann, 2018).
Ableitung aus der Literatur
Bei der Literaturableitung werden bestehende Forschungsarbeiten daraufhin analysiert, welche theoretischen Konzepte, offenen Forschungsfragen oder empirischen Zusammenhänge für das eigene Thema relevant sind. Aus dieser Analyse lassen sich Konstrukte, Dimensionen und mögliche Hypothesen ableiten, die anschließend in konkrete Fragen überführt werden können (Baur & Blasius, 2014, Diekmann, 2018).
Expertendiskussion
Eine Expertendiskussion ist besonders dann sinnvoll, wenn ein Themenfeld noch nicht hinreichend strukturiert ist oder praxisnahe Einschätzungen benötigt werden. Zunächst müssen geeignete Expertinnen und Experten identifiziert werden. Eine einzelne betreuende Person kann dabei wertvolle Hinweise geben, ersetzt jedoch in der Regel keine belastbare Expertengruppe (Rea & Parker, 2015).
Ziel der Diskussion ist es, das Themenfeld inhaltlich präzise abzugrenzen und relevante Aspekte zu identifizieren. Dafür sollten vorab Leitfragen, Themenblöcke und erste Formulierungen vorbereitet werden. So lässt sich die Diskussion strukturieren und auf die Forschungsfrage ausrichten (Porst, 2014).
Grundsätzlich gilt: In den Fragebogen sollten nur Inhalte aufgenommen werden, die zur Zielerreichung notwendig sind. Je länger ein Fragebogen ist, desto höher ist das Risiko von Abbrüchen, Ermüdungseffekten und unvollständigen Antworten (Rea & Parker, 2015).
Umfang
Der Umfang eines Fragebogens hängt vom Erhebungsziel, der Zielgruppe und dem Erhebungsmodus ab. Als praktikable Orientierung sollte die Bearbeitungsdauer idealerweise 15 Minuten nicht überschreiten. Mit zunehmender Dauer sinkt die Teilnahmebereitschaft regelmäßig, insbesondere wenn kein direkter Nutzen oder Anreiz wahrgenommen wird (Rea & Parker, 2015, Porst, 2014).
In der Praxis gilt daher: lieber kurz und präzise als lang und unübersichtlich. Ein kompakter Fragebogen erhöht in vielen Fällen sowohl die Rücklaufquote als auch die Qualität der Antworten (Diekmann, 2018).
Ablauf
Der Ablauf der Erhebung wird nicht nur durch die Länge des Fragebogens, sondern auch durch den Zeitpunkt der Durchführung bestimmt. Bestimmte Zielgruppen sind zu einzelnen Zeitpunkten nur eingeschränkt erreichbar, etwa Studierende während der Semesterferien oder Lehrkräfte in Ferienzeiten. Solche Rahmenbedingungen sollten frühzeitig berücksichtigt werden (Rea & Parker, 2015).
Auch die Art der Befragung beeinflusst den Ablauf. Online-Befragungen sind meist effizient und schnell umsetzbar, bergen jedoch das Risiko unklarer Rückläufe, wenn nicht sicher ist, wer tatsächlich antwortet. Bei postalischen Befragungen wiederum müssen zusätzlich Versand-, Zustell- und Rücklaufzeiten eingeplant werden (Diekmann, 2018).
Zielgruppe
Die Zielgruppe sollte aus Personen bestehen, die zum Gegenstand der Befragung tatsächlich Auskunft geben können. Studierende zu strategischen Geschäftsentscheidungen zu befragen, kann zwar interessant sein, ist für belastbare Aussagen jedoch meist ungeeignet. Geeigneter sind Personen, die im relevanten Kontext tätig sind und über entsprechende Erfahrung verfügen, etwa Führungskräfte oder IT-Verantwortliche wie CIOs (Porst, 2014, Rea & Parker, 2015).
Zu beachten ist allerdings, dass mit zunehmender Hierarchieebene die Rekrutierung von Teilnehmenden häufig schwieriger wird. Höhergestellte Personen sind meist stärker ausgelastet und reagieren selektiver auf Befragungsanfragen (Diekmann, 2018).
Fragenerstellung
Sind Ziel, Inhalt, Umfang, Ablauf und Zielgruppe geklärt, beginnt die eigentliche Fragenerstellung. Grundsätzlich wird zwischen offenen und geschlossenen Fragen unterschieden (Porst, 2014).
Offene Fragen
Offene Fragen lassen den Teilnehmenden einen freien Antwortspielraum. Die Antwortmöglichkeiten sind nicht vorgegeben. Die Auswertung erfolgt in der Regel qualitativ, etwa durch Codierung, Kategorisierung oder Inhaltsanalyse, um Muster, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten (Baur & Blasius, 2014).
Geschlossene Fragen
Bei geschlossenen Fragen sind die Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Die Auswahl des Antwortformats bestimmt maßgeblich die spätere Auswertbarkeit und Aussagekraft. Dabei ist das Skalenniveau entscheidend. Unterschieden werden Nominal-, Ordinal-, Intervall- und Verhältnisskalen (Diekmann, 2018, Porst, 2014).
Nominalskalen erlauben lediglich Aussagen über Gleichheit oder Verschiedenheit. Ein Beispiel ist die kategoriale Erfassung des Geschlechts (Diekmann, 2018).
Ordinalskalen ermöglichen zusätzlich Aussagen über Rangfolgen. Ein Beispiel ist eine Likert-Skala von „sehr schlecht“ bis „sehr gut“. Die Reihenfolge ist bekannt, die Abstände zwischen den Stufen sind jedoch nicht interpretierbar (Porst, 2014).
Intervallskalen erlauben zusätzlich den Vergleich von Differenzen. Ein klassisches Beispiel sind Temperaturen in Grad Celsius: Die Differenz zwischen 20 °C und 15 °C ist ebenso groß wie die zwischen 10 °C und 5 °C. Ein natürlicher Nullpunkt fehlt jedoch, weshalb keine Verhältnisaussagen möglich sind (Diekmann, 2018).
Verhältnisskalen erlauben schließlich auch Aussagen über Verhältnisse. Ein Beispiel ist das Einkommen: 4.000 Euro sind halb so viel wie 8.000 Euro. Solche Skalen verfügen über einen natürlichen Nullpunkt (Porst, 2014).
Antwortskalen sollten grundsätzlich ausgewogen gestaltet sein. Eine beidseitige Skala, etwa von stimme nicht zu bis stimme zu, ist in der Regel einer einseitig formulierten Skala überlegen, weil sie Verzerrungen reduziert (Rea & Parker, 2015).
Hinweise zur Formulierung von Fragen
Bei der Formulierung guter Fragen sind einige Grundsätze zu beachten:
- Fragen sollten einfach und eindeutig formuliert sein. Verschachtelte Satzkonstruktionen sind zu vermeiden, da sie die Verständlichkeit mindern (Porst, 2014).
- Jede Frage sollte nur einen Sachverhalt abfragen. Doppelfragen mit und oder oder sind zu vermeiden. Beispiel: Statt „Wie hoch ist Ihr Bruttoeinkommen und sind Sie damit zufrieden?“ sollten zwei separate Fragen gestellt werden (Rea & Parker, 2015).
- Die Sprache muss zur Zielgruppe passen. Bei Unsicherheiten kann eine kurze Verständlichkeitsfrage helfen, etwa: „Gab es sprachliche Schwierigkeiten? Wenn ja, welche?“ (Porst, 2014).
- Die Formulierung sollte zur gewählten Methode passen. „Wie“-Fragen eignen sich häufig für Prozessaspekte, „Was“-Fragen eher für konkrete Sachverhalte oder Effekte (Diekmann, 2018).
Jede Frage sollte einen klaren Bezug zum Erhebungsziel haben. Im Zweifel muss begründet werden können, warum sie aufgenommen wurde. Dabei ist auch der Datenschutz zu berücksichtigen. Je persönlicher eine Frage ist, desto geringer kann die Antwortbereitschaft sein. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Transparenz, Datenminimierung und verantwortungsvollen Umgang mit den erhobenen Informationen (Diekmann, 2018).
Vor dem eigentlichen Einsatz sollte ein Pretest durchgeführt werden. Er dient dazu, die Verständlichkeit der Fragen zu prüfen, die Bearbeitungsdauer realistisch einzuschätzen, technische Probleme im Erhebungstool zu erkennen und die grundsätzliche Teilnahmebereitschaft der Zielgruppe zu testen (Porst, 2014, Rea & Parker, 2015).
Fällt die Rücklaufquote bereits im Pretest gering aus, sollte der Fragebogen überarbeitet oder die Rekrutierungsstrategie angepasst werden (Diekmann, 2018).
Literatur
- Baur, N., & Blasius, J. (Hrsg.). (2014). Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung (2. Aufl.). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-531-18939-0
- Diekmann, A. (2018). Empirische Sozialforschung: Grundlagen, Methoden, Anwendungen (12. Aufl.). Rowohlt.
- Porst, R. (2014). Fragebogen: Ein Arbeitsbuch (4. Aufl.). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-01269-8
- Rea, L. M., & Parker, R. A. (2015). Designing and conducting survey research: A comprehensive guide (4th ed.). Jossey-Bass.
- Südmeyer, A., Hassenzahl, M., & Diefenbach, S. (2007). AttrakDiff: Ein Fragebogen zur Messung der hedonischen und pragmatischen Qualität interaktiver Produkte. In Mensch & Computer 2007. Oldenbourg.