Die Forschungsfrage ist das Herzstück deiner wissenschaftlichen Arbeit. Sie gibt vor, was du eigentlich untersuchen möchtest, strukturiert deine Argumentation und legt fest, welche Methoden sinnvoll sind. Gleichzeitig ist sie eng mit dem sogenannten Research Gap, also der Forschungslücke, verbunden: Ohne klaren Gap wird deine Arbeit leicht „austauschbar“, weil nicht erkennbar ist, welchen Beitrag du zur bestehenden Literatur leistest. In diesem Text geht es darum, wie du von einem groben Thema zu einer tragfähigen Forschungsfrage kommst – und wie du diese im Kontext eines Research Gap begründest.

1. Thema, Forschungsproblem, Forschungsfrage, Zielsetzung

Am Anfang steht oft nur ein Thema: „Digitale Plattformen in der öffentlichen Verwaltung“, „Nutzung von KI‑Werkzeugen durch Studierende“, „Akzeptanz von Self‑Service‑BI in Unternehmen“. Ein Thema allein reicht jedoch nicht, um eine wissenschaftliche Arbeit zu planen. Du brauchst eine klar formulierte Forschungsfrage, ein umrissenes Forschungsproblem und eine konkrete Zielsetzung.

Das Forschungsproblem beschreibt in wenigen Sätzen, welches inhaltliche Problem oder welche offene Frage dich interessiert. Es ist stärker erzählerisch und kann anwendungsnah formuliert sein: Wo beobachtest du Schwierigkeiten, Inkonsistenzen oder offene Punkte in Praxis und Forschung?

Die Forschungsfrage ist die präzise, empirisch oder konzeptionell beantwortbare Frage, die im Zentrum deiner Arbeit steht. Sie sollte so formuliert sein, dass man ihr im Rahmen der verfügbaren Zeit, Daten und Methoden sinnvoll nachgehen kann. Oft ist es hilfreich, sie als W‑Frage (Was, Wie, Warum) zu formulieren.

Die Zielsetzung beschreibt, was deine Arbeit leisten soll – typischerweise im Hinblick auf einen Beitrag zur Literatur und/oder zur Praxis. Sie verbindet Forschungsproblem, Research Gap und Forschungsfrage miteinander und macht deutlich, warum sich die Bearbeitung lohnt.

Ein einfaches Beispiel:

  • Thema: „Self‑Service‑BI in mittelständischen Unternehmen“.
  • Forschungsproblem: Viele Unternehmen investieren in Self‑Service‑BI‑Lösungen, erreichen aber nicht die erhoffte Nutzung in den Fachbereichen.
  • Forschungsfrage: „Wie beeinflussen organisatorische Rahmenbedingungen die tatsächliche Nutzung von Self‑Service‑BI‑Werkzeugen in mittelständischen Unternehmen?“
  • Zielsetzung: Die Arbeit soll zentrale Einflussfaktoren identifizieren und damit Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Einführung von Self‑Service‑BI aufzeigen.

2. Was ist eine Forschungslücke/Research Gap?

Der Research Gap (Forschungslücke) beschreibt, was in der bestehenden Literatur bisher nicht oder nur unzureichend behandelt wurde. Wichtig ist: Eine Forschungslücke ist kein „weißes Blatt“, sondern ergibt sich aus einer systematischen Auseinandersetzung mit bereits vorhandenen Arbeiten.

In der Praxis haben sich verschiedene "Gap"‑Typen etabliert:

  • Kontextlücke: Ein Phänomen wurde bisher vor allem in bestimmten Kontexten (z. B. Großunternehmen, bestimmte Länder) untersucht, andere Kontexte sind unterrepräsentiert.
  • Methodenlücke: Es gibt viele quantitative Studien, aber kaum qualitative Einblicke – oder umgekehrt.
  • Konfligierende Befunde: Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, die bislang nicht gut erklärt sind.
  • Theoretische Lücke: Bestimmte Theorien wurden in einem Feld noch nicht systematisch angewendet.
  • Neue Phänomene: Praktisch relevante Entwicklungen (z. B. neue Technologien) sind in der Literatur noch wenig untersucht.

Ein gut formulierter Gap stellt klar, woran bisherige Arbeiten gescheitert sind oder was sie ausgelassen haben, ohne frühere Forschung abzuwerten. Der Gap sollte erkennen lassen, warum es sinnvoll und anschlussfähig ist, gerade deine Fragestellung zu bearbeiten.

3. Wie findest du eine Forschungslücke?

Die Grundlage für eine Forschungslücke ist immer ein strukturierter Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Dabei hilft dir ein systematisches Vorgehen:

  1. Einstieg über Übersichtsarbeiten
    Suche zunächst nach Review‑Artikeln oder Meta‑Analysen zu deinem Themenfeld, etwa in Journals der Wirtschaftsinformatik oder angrenzenden Disziplinen. Dort werden typischerweise bereits Forschungsdesiderate und offene Fragen diskutiert.
  2. Gezielt nach aktuellen Einzelstudien suchen
    Ergänze Reviews um jüngere empirische Arbeiten, die dein Thema konkret aufgreifen. Achte besonders auf den Abschnitt „Limitations“ und „Future Research“, denn dort benennen Autorinnen und Autoren häufig explizit Forschungslücken.
  3. Notizen zu Lücken festhalten
    Halte beim Lesen fest, welche Aspekte immer wieder als „wenig erforscht“ bezeichnet werden, wo Ergebnisse divergieren oder welche Kontexte bislang ausgespart bleiben. Aus diesen Notizen wächst dein späterer Gap.
  4. Gap kategorisieren
    Ordne deine Beobachtungen einem oder mehreren Gap‑Typen zu. So kannst du später deutlich machen, ob du zum Beispiel einen neuen Kontext, eine neue Methode oder eine theoretische Perspektive adressierst.

Indem du diesen Prozess dokumentierst, schaffst du eine nachvollziehbare Grundlage, um deine Forschungsfrage im Text zu begründen.

4. Vom Thema zur Forschungsfrage

Viele Studierende starten mit einem groben Interessensgebiet und fragen sich, wie sie zu einer konkreten Forschungsfrage kommen. Ein einfaches Vorgehen besteht aus vier Schritten:

  1. Themenfeld eingrenzen
    Reduziere dein Thema auf einen klar umrissenen Ausschnitt. Statt „Digitalisierung im Gesundheitswesen“ etwa „Einsatz von Patientenportalen in städtischen Krankenhäusern“.
  2. Zentrale Konzepte identifizieren
    Überlege, welche Kernbegriffe in deinem Themenfeld eine Rolle spielen (z.B. Nutzungsintention, wahrgenommene Nützlichkeit, organisatorische Unterstützung) und suche gezielt nach Literatur hierzu.
  3. Beziehungen zwischen Konzepten prüfen
    Frage dich, welche Zusammenhänge die Literatur bereits beschrieben hat und wo noch offene Fragen bestehen. Hier entsteht die erste Idee für deine Forschungsfrage.
  4. Forschungsfrage formulieren und schärfen
    Entwirf eine erste Version deiner Frage und prüfe sie an Kriterien wie Klarheit, Machbarkeit und Anschluss an die Literatur. Häufig sind mehrere Iterationen nötig, bis die Frage wirklich passend zugeschnitten ist.

Beispielsweise kann aus dem Thema „Nutzung von Kollaborationsplattformen im Studium“ durch diesen Prozess eine Forschungsfrage werden wie: „Wie beeinflussen wahrgenommene Autonomieunterstützung und soziale Präsenz die fortgesetzte Nutzung von Kollaborationsplattformen in Masterstudiengängen der Wirtschaftsinformatik?“

5. Formulierungshilfen für Forschungslücke und Forschungsfrage

Beim Formulieren von Forschungslücke und Forschungsfrage helfen dir standardisierte Satzschablonen, die du auf dein Thema anpasst.

Typische "Gap"‑Formulierungen auf Deutsch:

  • „Bisherige Studien konzentrieren sich vor allem auf …, während der Kontext … bislang kaum berücksichtigt wurde.“
  • „Obwohl zahlreiche Arbeiten den Einfluss von … untersucht haben, ist bislang wenig darüber bekannt, wie …“
  • „In der bestehenden Literatur finden sich unterschiedliche Ergebnisse zur Rolle von …, sodass offen bleibt, …“

Entsprechende Formulierungen auf Englisch:

  • „While prior research has extensively examined X, little is known about Y in the context of Z.“
  • „Existing studies report conflicting findings regarding …, which raises the question of …“
  • „Although numerous studies have addressed …, the role of … remains underexplored.“

Für die Forschungsfrage selbst eignen sich klare W‑Fragen:

  • „Wie beeinflusst … die …?“
  • „Welche Faktoren tragen dazu bei, dass …?“
  • „Inwieweit unterscheidet sich … zwischen … und …?“

Auf Englisch:

  • „How does X influence Y in the context of Z?“
  • „What factors contribute to …?“
  • „To what extent does … differ across …?“

Wichtig ist, dass die Frage nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich zu deinem geplanten methodischen Vorgehen passt.

6. Häufige Fehler und eine kurze Checkliste

In der Praxis begegnen immer wieder ähnliche Fehler bei Forschungsfragen und Gaps:

  • Die Frage ist zu breit („Wie beeinflusst Digitalisierung Unternehmen?“).
  • Die Frage ist zu vage („Welche Auswirkungen hat Technologie?“).
  • Die Frage passt nicht zur verfügbaren Methode oder Datenbasis.
  • Die Forschungslücke wird eher behauptet als belegt, weil die Literatur nicht systematisch aufgearbeitet wurde.
  • Es wird keine klare Verbindung zwischen Gap, Frage und Zielsetzung hergestellt.

Eine kurze Checkliste kann dir helfen, diese Fehler zu vermeiden:

  1. Ist die Forschungslücke im Text sichtbar auf Literatur gestützt?
  2. Ist die Forschungsfrage klar und in einer W‑Formulierung ausgedrückt?
  3. Kann ich mit meinen Methoden und Ressourcen eine sinnvolle Antwort geben?
  4. Erkennen Dritte (Betreuung, Mitstudierende) beim Lesen, worin der konkrete Beitrag der Arbeit liegt?
  5. Sind Problem, Gap, Frage und Zielsetzung logisch aufeinander bezogen?

Wenn du diese Fragen weitgehend mit „Ja“ beantworten kannst, bist du einen großen Schritt weiter auf dem Weg zu einer tragfähigen Forschungsfrage.

7. Forschungsfragen in typischen Methodensettings der Wirtschaftsinformatik

In der Wirtschaftsinformatik kommen einige Methodensettings besonders häufig vor, etwa Umfragen (Surveys), qualitative Fallstudien, Experimente sowie gestaltungsorientierte Forschung (Design Science). Jede dieser Vorgehensweisen legt nahe, wie eine Forschungsfrage zugeschnitten werden kann. Entscheidend ist, dass Frage und Methode zueinander passen und dass der Research Gap erkennen lässt, warum genau dieses Setting gewählt wird.

7.1 Survey‑Studien

Survey‑Studien eignen sich, wenn Beziehungen zwischen Konstrukten quantitativ untersucht oder Unterschiede zwischen Gruppen analysiert werden sollen. Die Forschungsfrage ist dann oft auf Zusammenhänge („Wie hängt X mit Y zusammen?“) oder Unterschiede („Unterscheiden sich Gruppen A und B hinsichtlich X?“) ausgerichtet.

Beispiele:

  • „Wie beeinflussen wahrgenommene Nützlichkeit und subjektive Norm die Nutzungsintention von Self‑Service‑BI‑Werkzeugen in mittelständischen Unternehmen?“
  • „Inwieweit unterscheiden sich Studierende verschiedener Fachrichtungen in ihrer Bereitschaft, KI‑basierte Schreibwerkzeuge für akademische Arbeiten einzusetzen?“

In diesen Beispielen ist erkennbar, dass Variablen quantifizierbar erfasst und statistisch ausgewertet werden können. Die Forschungsfrage ist so formuliert, dass ein Fragebogen mit geeigneten Skalen zur Beantwortung beiträgt.

7.2 Qualitative Fallstudien

Qualitative Fallstudien sind geeignet, wenn Prozesse, Bedeutungen und Kontexte im Vordergrund stehen, etwa bei der Einführung neuer Systeme, der Gestaltung von Transformationsprozessen oder der Nutzung innovativer Technologien in spezifischen Organisationen. Die Forschungsfragen sind hier häufig beschreibend oder erklärend angelegt, ohne dass vorab feste Hypothesen getestet werden.

Beispiele:

  • „Wie wird die Einführung eines zentralen Datenanalyse‑Ökosystems in einer öffentlichen Verwaltung organisationale Routinen und Entscheidungsprozesse gestaltet?“
  • „Wie erleben Mitarbeitende in einem Krankenhaus die Einführung eines mobilen Dokumentationssystems im Pflegealltag?“

Fokus ist jeweils das „Wie“: Abläufe, Wahrnehmungen und Deutungen werden im organisationalen Kontext untersucht. Die Methode (z.B. leitfadengestützte Interviews, Beobachtungen, Dokumentenanalyse) ist geeignet, detaillierte Einblicke in diese Prozesse zu liefern.

7.3 Experimente

Experimente werden eingesetzt, wenn Ursache‑Wirkungs‑Beziehungen unter kontrollierten Bedingungen geprüft werden sollen. In der Wirtschaftsinformatik geht es beispielsweise darum, wie unterschiedliche Gestaltungsvarianten von Benutzungsschnittstellen, Dashboards oder Empfehlungssystemen das Verhalten von Nutzenden beeinflussen.

Beispiele:

  • „Wie wirkt sich die Darstellung von Datenschutzinformationen (kompakt vs. detailliert) auf die Bereitschaft zur Nutzung einer Gesundheits‑App aus?“
  • „Welchen Einfluss hat die Visualisierung von Unsicherheit in Prognosedashboards auf die Entscheidungsqualität von Führungskräften?“

Die Forschungsfragen sind so formuliert, dass klar ist, welche unabhängigen und abhängigen Variablen betrachtet werden und welches Verhalten oder welche Einschätzung gemessen werden soll. Ein Research Gap kann sich hier beispielsweise daraus ergeben, dass bestimmte Darstellungsformen oder Nutzergruppen bisher noch nicht experimentell untersucht wurden.

7.4 Design‑Science‑Forschung

In der gestaltungsorientierten Forschung (Design Science) steht die Entwicklung und Evaluation von Artefakten im Zentrum, etwa Methoden, Modelle, Prototypen oder Entscheidungsunterstützungssysteme. Die Forschungsfragen beziehen sich häufig darauf, welche Gestaltungsprinzipien zur Lösung eines bestimmten Problems beitragen oder wie ein Artefakt in einem Kontext wirkt.

Beispiele:

  • „Wie kann ein Entscheidungsunterstützungssystem gestaltet werden, das Projektleitungen in öffentlichen IT‑Vorhaben bei der Priorisierung von Risiken unterstützt?“
  • „Welche Gestaltungsprinzipien tragen dazu bei, die Transparenz von KI‑gestützten Empfehlungssystemen für Endnutzerinnen und Endnutzer zu erhöhen?“

Solche Fragen machen deutlich, dass ein Artefakt entwickelt und in einem geeigneten Kontext evaluiert werden soll. Der Research Gap besteht hier häufig darin, dass existierende Ansätze bestimmte Anforderungen noch nicht adressieren oder nur für andere Kontexte beschrieben sind.

7.5 Mixed‑Methods‑Ansätze

Mixed‑Methods‑Studien kombinieren qualitative und quantitative Vorgehensweisen, um ein Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Forschungsfragen können hier zum Beispiel zunächst explorativ (qualitativ) und anschließend prüfend (quantitativ) angelegt sein.

Beispiel:

  • „Wie beschreiben Mitarbeitende die Einführung eines neuen Kollaborationstools im Projektalltag, und in welchem Ausmaß lassen sich die daraus abgeleiteten Einflussfaktoren auf die Nutzungsintention quantitativ bestätigen?“

In einem solchen Setting kann der Research Gap darin liegen, dass bisher entweder nur qualitative Fallstudien oder nur standardisierte Befragungen existieren, eine Kombination beider Perspektiven aber fehlt.

7.6 Passfähigkeit von Forschungsfrage, Forschungslücke und Methode

Unabhängig vom gewählten Methodensetting gilt: Forschungsfrage, Forschungslücke und Vorgehensweise sollten inhaltlich zueinander passen. Eine Frage, die auf Unterschiede zwischen Gruppen abzielt, erfordert eine Datengrundlage, die entsprechende Vergleiche zulässt. Eine Frage, die auf Prozesse und Deutungen fokussiert, lässt sich mit einer stark standardisierten Erhebung nur begrenzt beantworten. In der Wirtschaftsinformatik ist es daher sinnvoll, bereits bei der Formulierung der Forschungsfrage mitzudenken, welches Methodensetting für die Beantwortung realistisch und angemessen ist.

Wenn Thema, Gap, Frage und Methode kohärent aufeinander abgestimmt sind, entsteht eine klare Linie: Aus der Literatur ergibt sich eine Lücke, aus der Lücke eine präzise Frage, und aus der Frage ein passendes Design der Studie. Dies erleichtert nicht nur die Durchführung der Arbeit, sondern macht sie auch für Lesende gut nachvollziehbar.