Abstract und Einleitung bilden die zentrale Eingangspassage wissenschaftlicher Arbeiten. Sie entscheiden häufig darüber, ob ein Text als klar strukturiert, überzeugend und anschlussfähig wahrgenommen wird oder ob zentrale Inhalte bereits zu Beginn an Kontur verlieren (vgl. Wissenschaftliches Schreiben sowie Abschlussarbeiten - Gliederung). Gleichzeitig haben Abstract und Einleitung klar unterschiedliche Funktionen: Das Abstract ist eine sehr knappe Zusammenfassung der gesamten Arbeit, die Einleitung baut den inhaltlichen Rahmen Schritt für Schritt auf und führt zur Forschungsfrage hin.

1. Rolle von Abstract und Einleitung

Das Abstract ist ein eigenständiger, kurzer Textblock, der die Arbeit in wenigen Sätzen zusammenfasst. Es beantwortet idealerweise die Fragen: Worum geht es? Warum ist das Thema relevant? Wie wird vorgegangen? Welche zentralen Ergebnisse liegen vor? Welchen Beitrag leistet die Arbeit für Theorie und/oder Praxis? Das Abstract sollte in sich verständlich sein, ohne dass Leserinnen und Leser den restlichen Text kennen müssen.

Die Einleitung übernimmt eine andere Funktion. Sie führt schrittweise in das Thema ein, erläutert Kontext und Relevanz, zeigt die Forschungslücke (Research Gap) auf, formuliert die Forschungsfrage und beschreibt die Zielsetzung. Am Ende der Einleitung wird häufig der Aufbau der Arbeit kurz skizziert. Während das Abstract Inhalte maximal komprimiert, entfaltet die Einleitung den inhaltlichen Rahmen und verankert die Arbeit im Forschungsstand (vgl. Forschungsfrage und Forschungslücke in der Wirtschaftsinformatik)

2. Elemente eines tragfähigen Abstracts

Ein überzeugendes Abstract folgt einer klaren Struktur. Die folgenden Bausteine haben sich etabliert:

  • Kontext und Thema: ein bis zwei Sätze zum übergeordneten Themenfeld und zum konkreten Anwendungs- oder Forschungskontext.
  • Problem und Zielsetzung: kurze Darstellung des Forschungsproblems sowie der Zielsetzung bzw. der zentralen Forschungsfrage.
  • Methode: Hinweis auf das gewählte methodische Vorgehen (z. B. qualitative Fallstudie, Online‑Survey, Experiment, Design‑Science‑Artefakt; vgl. Forschungsmethoden).
  • Zentrale Ergebnisse: komprimierte Darstellung der wichtigsten Befunde oder der wesentlichen Merkmale des entwickelten Artefakts.
  • Beitrag: knappe Aussage dazu, welchen Beitrag die Arbeit für Theorie und/oder Praxis leistet.

Die Länge des Abstracts ist oftmals institutionell vorgegeben (häufig zwischen 150 und 250 Wörtern). Es empfiehlt sich, auf nicht erläuterte Abkürzungen und Fachbegriffe zu verzichten und auf Literaturverweise zu verzichten. Inhalte, die im Abstract erwähnt werden, sollten im Haupttext tatsächlich behandelt werden; zentrale Elemente der Arbeit sollten umgekehrt zumindest in Kurzform im Abstract erkennbar sein.

Für Arbeiten in der Wirtschaftsinformatik ist es sinnvoll, das gewählte Methodensetting explizit zu benennen, etwa durch Formulierungen wie „an online survey among…“, „a multiple case study in…“ oder „a design‑science approach including the development and evaluation of…“. Dies erleichtert Lesenden die Einordnung der Arbeit und die Beurteilung der Passung von Methode und Forschungsfrage (siehe auch Forschungsmethoden).

3. Struktur einer Einleitung: vom Kontext zur Forschungsfrage

Eine häufig genutzte Orientierung für den Aufbau von Einleitungen ist das sogenannte CARS‑Modell (Create a Research Space). Es beschreibt drei typische „Moves“, die auch in der Wirtschaftsinformatik sinnvoll angewendet werden können []:

  1. Kontext und Relevanz herstellen (establishing a territory).
  2. Forschungslücke aufzeigen (establishing a niche).
  3. Eigene Studie positionieren (occupying the niche).

3.1 Kontext und Relevanz

Zu Beginn der Einleitung wird das Themenfeld auf einer übergeordneten Ebene eingeführt. In diesem Abschnitt wird erläutert, warum das Thema aus praktischer und/oder wissenschaftlicher Sicht relevant ist – etwa mit Bezug auf technologische Entwicklungen, regulatorische Veränderungen oder aktuelle Herausforderungen in Organisationen.

Typische Elemente in diesem Abschnitt sind:

  • knappe Darstellung der technologischen oder organisatorischen Entwicklung,
  • erste Hinweise auf zentrale praktische Probleme oder Chancen,
  • gegebenenfalls ein Verweis auf die Bedeutung des Themas im wissenschaftlichen Diskurs.

Wesentlich ist, den Rahmen nicht zu breit zu wählen, sondern relativ zügig auf den spezifischen Gegenstand der eigenen Arbeit hinzuführen.

3.2 Forschungslücke und Problemstellung

Im nächsten Schritt wird die Forschungslücke herausgearbeitet. Hier knüpft die Einleitung an den bestehenden Forschungsstand an und zeigt auf, welche Aspekte bisher nur unzureichend untersucht wurden oder wo widersprüchliche Ergebnisse vorliegen. Es wird kurz erläutert, welches spezifische Problem adressiert wird und warum sich eine vertiefte Untersuchung lohnt.

Dieser Teil sollte keine vollständige Literaturübersicht leisten – dafür ist das Theoriekapitel vorgesehen –, aber zentrale Linien der Forschung so weit skizzieren, dass der Research Gap nachvollziehbar ist. Wichtig ist, deutlich zu machen, wie das eigene Forschungsinteresse auf vorhandener Literatur aufbaut und wo genau die Arbeit ansetzt (vgl. Forschungsfrage und Forschungslücke in der Wirtschaftsinformatik und Theoretischer Rahmen und Argumentation).

3.3 Forschungsfrage, Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

Anschließend werden Forschungsfrage(n) und Zielsetzung der Arbeit explizit vorgestellt. Häufig folgt daran ein kurzer Überblick über den Aufbau der Kapitel.

Typische Elemente sind:

  • klare Formulierung der zentralen Forschungsfrage,
  • gegebenenfalls Nennung von Unterfragen, sofern dies zur Strukturierung des Themas beiträgt,
  • Beschreibung der Zielsetzung (z. B. „Die Arbeit zielt darauf ab, … zu untersuchen“, „Ziel ist die Entwicklung und Evaluation eines …“),
  • knapper Überblick über die Struktur der Arbeit (z. B. „Kapitel 2 gibt einen Überblick über…, Kapitel 3 beschreibt…, Kapitel 4 präsentiert die Ergebnisse…“).

Dieser Teil sollte prägnant, aber eindeutig formuliert sein, damit Lesende rasch erfassen, was sie in der Arbeit erwartet und wie die Untersuchung angelegt ist (siehe auch Abschlussarbeiten - Gliederung).

4. Beispielaufbau für Abstract und Einleitung in der Wirtschaftsinformatik

Gerade in typischen Settings der Wirtschaftsinformatik (Survey‑Studien, FallstudienExperimente, Design‑Science‑Studien) lassen sich Abstracts und Einleitungen häufig auf wiederkehrende Muster zurückführen.

Abstract (Beispiellogik)

  • Ein Satz zum übergeordneten Themenfeld und Kontext
    („In vielen Organisationen gewinnen X‑Systeme an Bedeutung…“).
  • Ein bis zwei Sätze zum konkreten Problem und zur Forschungslücke
    („Obwohl bisherige Studien gezeigt haben, dass…, ist bislang wenig darüber bekannt, wie…“).
  • Ein Satz zur Methode
    („Die vorliegende Arbeit untersucht diese Fragestellung anhand einer Online‑Befragung von…, ergänzt um…“).
  • Ein bis zwei Sätze zu den wichtigsten Ergebnissen
    („Die Ergebnisse zeigen, dass…, während…“).
  • Ein Satz zum Beitrag
    („Die Arbeit liefert Hinweise darauf, dass…, und gibt Implikationen für…“).

Einleitung (Beispiellogik)

  • Absatz: Einführung in das Themenfeld und praktische Relevanz.
  • Absatz: Einbindung in den wissenschaftlichen Kontext, knappe Darstellung zentraler Forschungslinien.
  • Absatz: Herausarbeitung der Forschungslücke, die adressiert wird.
  • Absatz: Formulierung der Forschungsfrage(n) und Zielsetzung.
  • Absatz: Überblick über den Aufbau der Arbeit.

Dieser Aufbau kann an unterschiedliche Methodensettings angepasst werden, indem jeweils spezifische Aspekte stärker betont werden (z. B. Gestaltungscharakter bei Design‑Science‑Studien oder Prozessperspektive bei qualitativen Fallstudien; vgl. Forschungsmethoden).

5. Formulierungsbausteine für Abstract und Einleitung

Formulierungsbausteine können dabei helfen, Abstracts und Einleitungen strukturiert zu verfassen, ohne in standardisierte Floskeln zu verfallen. Sie müssen stets an Thema, Disziplin und institutionelle Vorgaben angepasst werden.

5.1 Mögliche Formulierungen für Abstracts (Deutsch)

  • „Die vorliegende Arbeit untersucht…“
  • „Vor dem Hintergrund von… gewinnt X in … zunehmend an Bedeutung.“
  • „Ziel der Arbeit ist es, … zu analysieren/zu untersuchen/zu entwickeln.“
  • „Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird eine … durchgeführt.“
  • „Die Ergebnisse zeigen, dass…“
  • „Die Arbeit leistet einen Beitrag, indem sie…“

5.2 Mögliche Formulierungen für Abstracts (Englisch)

  • „This thesis investigates…“
  • „Against the backdrop of…, X has become increasingly important in…“
  • „The aim of this study is to…“
  • „To address this research question, a … was conducted.“
  • „The findings indicate that…“
  • „The study contributes by…“

5.3 Formulierungen für Einleitungen (Deutsch)

  • „In den letzten Jahren hat sich … zu einem wichtigen Thema im Kontext von … entwickelt.“
  • „Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass…, allerdings ist bislang wenig darüber bekannt, wie…“
  • „Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, …“
  • „Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, … zu untersuchen.“
  • „Um diese Fragestellung zu bearbeiten, ist die Arbeit wie folgt aufgebaut: …“

5.4 Formulierungen für Einleitungen (Englisch)

  • „In recent years, … has emerged as an important topic in the context of…“
  • „Previous research has demonstrated that…, yet little is known about…“
  • „Against this background, the following research question arises:…“
  • „The objective of this thesis is to…“
  • „To address this objective, the remainder of this thesis is structured as follows:…“

Diese Bausteine bieten eine Orientierung, sollten aber so angepasst werden, dass sie zu deinem Stil, deinem Thema und den formalen Vorgaben deines Studiengangs passen.

6. Typische Fehler bei Abstract und Einleitung

In Abstracts und Einleitungen treten regelmäßig ähnliche Problemkonstellationen auf:

  • Das Abstract wiederholt lediglich allgemein das Thema, ohne Methode, Ergebnisse und Beitrag anzusprechen.
  • Die Einleitung verbleibt auf einer sehr allgemeinen Ebene und führt nicht klar zur konkreten Forschungsfrage.
  • Abstract und Einleitung sind inhaltlich nicht konsistent, weil sich Forschungsfrage oder Zielsetzung im Verlauf der Arbeit verändert haben, ohne dass beide Textteile angepasst wurden.
  • Es werden zu viele Details in Abstract oder Einleitung integriert, die besser in den Fachkapiteln verortet wären (z.B. umfangreiche Modellbeschreibungen oder ausführliche Literaturübersichten).
  • In der Einleitung wird früh in theoretische Detaildiskussionen eingestiegen, bevor Thema und Fragestellung klar umrissen sind.

Es kann hilfreich sein, Abstract und Einleitung am Ende des Schreibprozesses noch einmal gemeinsam zu überarbeiten, wenn die Arbeit inhaltlich weitgehend abgeschlossen ist. Auf diese Weise lässt sich sicherstellen, dass beide Teile die tatsächliche Arbeit präzise widerspiegeln.

7. Kurz-Checkliste für Abstract und Einleitung

Die folgende komprimierte Checkliste kann zur abschließenden Prüfung verwendet werden (vgl. Abschlussarbeiten - Gliederung):

Abstract

  1. Wird deutlich, welches Thema und welcher Kontext behandelt werden?
  2. Werden Forschungsproblem und Zielsetzung zumindest kurz angesprochen?
  3. Ist das methodische Vorgehen erkennbar?
  4. Werden zentrale Ergebnisse genannt, nicht nur vage angedeutet?
  5. Wird ein Beitrag für Theorie und/oder Praxis sichtbar?
  6. Bleibt das Abstract innerhalb der vorgegebenen Wortgrenze?

Einleitung

  1. Führt der Text vom allgemeinen Kontext zügig zu deinem spezifischen Thema?
  2. Wird eine Forschungslücke erkennbar und nachvollziehbar begründet?
  3. Ist die Forschungsfrage klar formuliert und gut auffindbar?
  4. Ist die Zielsetzung der Arbeit deutlich beschrieben?
  5. Wird der Aufbau der Arbeit knapp und verständlich skizziert?
  6. Sind Abstract und Einleitung inhaltlich konsistent (gleiche Frage, gleiche Zielsetzung, gleiche Schwerpunktsetzung)?

Werden diese Fragen überwiegend bejaht, liegt in der Regel ein klarer und anschlussfähiger Einstieg in die Arbeit vor – sowohl für Abschlussarbeiten in der Wirtschaftsinformatik als auch für Beiträge in angrenzenden Disziplinen.

Hinweis: Weitere Informationen zu Aufbau, theoretischem Rahmen und Forschungsdesign finden sich in den Abschnitten Theoretischer Rahmen und Argumentation sowie Forschungsmethoden.


Referenzen

[1] Claremont Graduate University - Center for Writing & Rhetoric: Creating A Research Space [CARS] Model, https://my.cgu.edu/writing-rhetoric/wp-content/uploads/sites/9/2021/11/CGU-CWR-CARS-Model-Visual.pdf, zugegriffen am 08.03.2026

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