Der Theorieteil bildet das inhaltliche Fundament einer wissenschaftlichen Arbeit. Er definiert zentrale Begriffe, stellt einschlägige Modelle und Theorien vor und entwickelt eine Argumentationslinie, aus der Forschungsfrage und gegebenenfalls Hypothesen logisch hervorgehen. In der Wirtschaftsinformatik nimmt der Theorieteil eine besondere Stellung ein, da in diesem Fachgebiet typischerweise technische, organisatorische und individuelle Perspektiven miteinander verknüpft werden.

1. Zweck des Theorieteils in der Wirtschaftsinformatik

Im Theorieteil wird der begriffliche und theoretische Rahmen erläutert, innerhalb dessen sich die Arbeit verortet. Er schafft Klarheit darüber, welche Konzepte verwendet werden, wie diese zueinander in Beziehung stehen und auf welchen theoretischen Annahmen und empirischen Befunden die Untersuchung aufbaut. Der Theorieteil ist damit ausdrücklich mehr als eine Aneinanderreihung von Literaturhinweisen und grenzt sich von einer reinen „Literatursammlung“ ab.

Für Leserinnen und Leser wird im Theoriekapitel sichtbar, welche Perspektive auf den Untersuchungsgegenstand eingenommen wird. In der Wirtschaftsinformatik kann dies beispielsweise eine nutzerorientierte Perspektive (z. B. Systemakzeptanz), eine organisationale Perspektive (z. B. digitale Transformationsprozesse) oder eine prozessuale bzw. technische Perspektive (z. B. Systemarchitekturen, Datenflüsse) sein. Der Theorieteil verdeutlicht damit die gedanklichen Grundlagen, auf denen empirische Analysen oder gestaltungsorientierte Artefakte (vgl. Abschnitt Forschungsmethoden) beruhen.

2. Literaturüberblick vs. Theoriekapitel

Häufig wird nicht klar zwischen einem allgemeinen Literaturüberblick und einem gezielt aufgebauten Theoriekapitel unterschieden. Ein Literaturüberblick dient primär der strukturierten Zusammenfassung des bisherigen Forschungsstandes: Welche Studien zu welchem Zeitpunkt, mit welchen Methoden und welchen Ergebnissen vorliegen (siehe auch die Hinweise zur Literaturrecherche).

Ein Theoriekapitel geht darüber hinaus. Es

  • identifiziert und definiert zentrale Konzepte,
  • ordnet diese Konzepte in theoretische Bezugsrahmen ein,
  • und überführt sie in eine konsistente Argumentationsstruktur, die auf die Forschungsfrage hinführt.

In empirischen Abschlussarbeiten werden Literaturüberblick und Theorieteil häufig in einem Kapitel integriert. Es empfiehlt sich, innerhalb dieses Kapitels erkennbar zu machen, wann eher der Stand der Forschung berichtet wird und wann auf dieser Grundlage eine theoretische Rahmung und Argumentation entwickelt wird. Ziel ist nicht nur die Kenntnis vorhandener Arbeiten, sondern das Verständnis, welches Modell oder welche Kombination von Konzepten die eigene Untersuchung trägt.

3. Zentrale Begriffe und Konstrukte klären

Ein wesentlicher Schritt besteht in der Klärung der wichtigsten Begriffe und theoretischen Konstrukte. In der Wirtschaftsinformatik zählen hierzu häufig Konzepte wie Nutzungsintention, Systemqualität, Benutzerzufriedenheit, digitale Transformation, Akzeptanz, Vertrauen, Transparenz oder Datenqualität. Je nach Themenfeld kommen weitere domänenspezifische Begriffe hinzu, etwa im Kontext von E‑Government, Gesundheits‑IT oder Industrie 4.0.

Im Rahmen der Begriffsarbeit sind insbesondere folgende Punkte relevant:

  • Es ist erforderlich, einschlägige Definitionen aus der wissenschaftlichen Literatur systematisch zu erfassen.
  • Es ist zu entscheiden, welche Definition für den eigenen Untersuchungsgegenstand übernommen wird oder in welcher Weise verschiedene Definitionen sinnvoll kombiniert werden.
  • Bei Überschneidungen zwischen Begriffen ist eine klare Abgrenzung erforderlich, um Mehrdeutigkeiten zu vermeiden.

Definitionen sollten nicht lediglich zitiert, sondern knapp eingeordnet werden: Warum ist eine konkrete Definition für den jeweiligen Gegenstand geeignet und wie unterstützt sie die Beantwortung der Forschungsfrage? Durch diese Einordnung wird verhindert, dass der Theorieteil zu einer bloßen Aneinanderreihung von Definitionsangeboten wird. Siehe auch Hinweise zu Forschungsfrage und Forschungslücke in der Wirtschaftsinformatik.

4. Typische Strukturformen für Theoriekapitel

Theoriekapitel in der Wirtschaftsinformatik können auf unterschiedliche Weise strukturiert werden. Häufig anzutreffen sind insbesondere:

Struktur nach Konstrukten
Das Kapitel wird entlang der zentralen theoretischen Konstrukte gegliedert (z. B. „Systemqualität“, „Information Quality“, „Servicequalität“, „Nutzungsverhalten“). Für jedes Konstrukt werden Definitionen, zentrale Zusammenhänge und ausgewählte empirische Befunde dargestellt.

Struktur nach theoretischen Perspektiven oder Modellen
Im Fokus stehen hier zentrale Theorien, auf die sich die Arbeit stützt, etwa das Technology Acceptance Model (TAM), UTAUT, das DeLone‑and‑McLean‑IS‑Success‑Modell oder Theorien der organisationalen Veränderung. Es wird erläutert, wie diese Theorien den Blick auf das Phänomen strukturieren und welche Annahmen sie implizieren.

Struktur nach thematischen Blöcken
Die Gliederung folgt inhaltlichen Teilbereichen (z. B. „digitale Plattformen und Geschäftsmodelle“, „Governance digitaler Infrastrukturen“, „Nutzungsverhalten von Endanwendern“). Innerhalb dieser Blöcke werden Begriffe, Modelle und empirische Befunde kombiniert und aufeinander bezogen.

Die Entscheidung für eine Strukturform hängt vom jeweiligen Thema und der Forschungsfrage ab. Wichtig ist, dass die gewählte Struktur für Lesende nachvollziehbar ist und erkennbar auf die Forschungsfrage hinführt. Abschnittsüberschriften sollten bereits erkennen lassen, wie sich die Argumentation schrittweise aufbaut.

5. Eine Argumentationslinie aufbauen

Der Theorieteil dient nicht nur der Darstellung vorhandenen Wissens, sondern vor allem dem Aufbau einer kohärenten Argumentationslinie. Am Ende des Kapitels sollte klar sein, aus welchen Gründen bestimmte Konzepte und Zusammenhänge im Zentrum der Untersuchung stehen.

Ein mögliches Vorgehen umfasst:

  • Beginn mit grundlegenden Begriffen und dem übergeordneten theoretischen Bezugsrahmen,
  • Herausarbeitung der Faktoren, die in bisherigen Studien als relevant identifiziert wurden,
  • Identifikation von Unklarheiten, Widersprüchen oder offenen Fragen in der Literatur,
  • Ableitung derjenigen Zusammenhänge oder Mechanismen, die in der eigenen Arbeit vertieft betrachtet werden sollen.

In quantitativen Studien mündet diese Argumentationslinie häufig in der Formulierung von Hypothesen oder Propositions. In qualitativen oder gestaltungsorientierten Arbeiten dient sie dazu, den analytischen Fokus und die Auswahl der Konzepte für Datenerhebung und Auswertung theoretisch zu begründen

6. Hypothesen und konzeptionelle Modelle

In hypothesenbasierten Arbeiten bildet der Theorieteil die Grundlage für die Herleitung von Hypothesen. Auf Basis von Theorien und empirischen Befunden wird ein konzeptionelles Modell entwickelt, in dem die Beziehungen zwischen zentralen Konstrukten explizit dargestellt werden.

Typische Schritte sind:

  • Identifikation der wesentlichen Einflussgrößen und Ergebnisvariablen,
  • Diskussion der in der Literatur beschriebenen Zusammenhänge zwischen diesen Variablen,
  • Formulierung von Hypothesen, die diese Zusammenhänge in der eigenen Studie prüfen,
  • Visualisierung in einem einfachen konzeptionellen Modell (z. B. mittels Pfeildiagramm mit Konstrukten und gerichteten Beziehungen).

In der Wirtschaftsinformatik knüpfen solche Modelle häufig an etablierte theoretische Ansätze an, etwa TAM oder UTAUT bei Akzeptanzstudien oder das IS‑Success‑Modell bei der Bewertung von Informationssystemen. Es sollte transparent gemacht werden, an welcher Stelle bestehende Modelle übernommen, angepasst oder erweitert werden.

Eine vertiefte Darstellung typischer Methodensettings, in denen diese Modelle empirisch untersucht werden, findet sich im Bereich Forschungsmethoden.

7. Umgang mit widersprüchlichen Studien

In vielen Themenfeldern liegen Studien mit divergierenden oder sogar widersprüchlichen Ergebnissen vor. Ein reflektierter Theorieteil blendet diese Unterschiede nicht aus, sondern adressiert sie explizit.

Ein sachlicher Umgang mit Widersprüchen umfasst unter anderem:

  • das Nebeneinanderstellen unterschiedlicher Befunde zu einem Zusammenhang,
  • die Diskussion möglicher Gründe für Abweichungen (z. B. unterschiedliche Kontexte, Stichproben, Messinstrumente oder theoretische Perspektiven),
  • die Formulierung offener Fragen, die sich aus diesen Inkonsistenzen ergeben.

Solche Überlegungen können direkt zur Formulierung des Research Gap beitragen: Wenn unklar ist, unter welchen Bedingungen bestimmte Zusammenhänge gelten, kann die eigene Arbeit hier gezielt ansetzen (vgl. die Ausführungen zu Forschungsfrage und Forschungslücke in der Wirtschaftsinformatik).

8. Typische Fehler im Theorieteil

In der Praxis lassen sich im Theorieteil wissenschaftlicher Arbeiten regelmäßig ähnliche Problemkonstellationen beobachten:

  • Der Text verbleibt bei reinen Zusammenfassungen einzelner Artikel, ohne erkennbar eigene Struktur oder Bewertung.
  • Zentrale Begriffe werden inkonsistent verwendet oder nicht ausreichend voneinander abgegrenzt.
  • Der Bezug zur Forschungsfrage bleibt unklar; es ist nicht ersichtlich, warum bestimmte Konzepte ausführlich, andere gar nicht behandelt werden.
  • Hypothesen werden am Ende des Kapitels eingeführt, ohne dass ihre Herleitung aus dem theoretischen Teil nachvollziehbar wäre.
  • Wichtige Bestandteile des Theorieteils werden im Ergebniskapitel oder in der Diskussion in ähnlicher Form wiederholt.

Solche Probleme lassen sich reduzieren, wenn bei der Ausarbeitung des Theorieteils fortlaufend geprüft wird, ob jeder Abschnitt einen erkennbaren Beitrag zur übergreifenden Fragestellung leistet und ob der rote Faden von der Literatur zur eigenen Untersuchung klar erkennbar bleibt.

9. Kurz-Checkliste für deinen Theorieteil

Die folgende Checkliste kann bei der abschließenden Durchsicht des Theoriekapitels unterstützen:

  1. Sind alle zentralen Begriffe und Konstrukte definiert und voneinander abgegrenzt?
  2. Wird deutlich, auf welche theoretischen Modelle oder Perspektiven sich die Arbeit stützt?
  3. Ist ersichtlich, warum bestimmte Konzepte im Fokus stehen und andere bewusst ausgeblendet werden?
  4. Baut der Text eine Argumentationslinie auf, die auf Forschungsfrage und gegebenenfalls Hypothesen hinführt?
  5. Werden widersprüchliche Befunde aus der Literatur benannt und reflektiert?
  6. Lässt sich aus dem Theorieteil ein einfaches konzeptionelles Modell ableiten, das die Untersuchung strukturiert?

Werden diese Fragen überwiegend bejaht, deutet dies auf einen inhaltlich tragfähigen Theorieteil hin, der ein stabiles Fundament für die methodische Umsetzung und die spätere Auswertung der Ergebnisse bildet.


Als nächster Schritt kann es hilfreich sein, den theoretischen Rahmen mit den gewählten Forschungsmethoden abzugleichen und sicherzustellen, dass Forschungsfrage, Theorieteil und Methodik konsistent aufeinander abgestimmt sind (vgl. Abschnitt Forschungsmethoden sowie die Hinweise zu Abschlussarbeiten - Gliederung).

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