BPMN

Prozessintelligenz bezeichnet die Fähigkeit einer Verwaltung, ihre Abläufe transparent zu machen, datenbasiert zu analysieren und darauf aufbauend zu steuern und zu automatisieren. BPMN 2.0 ist hierfür die zentrale Prozesssprache in der deutschen öffentlichen Verwaltung und wird im Rahmen der FIM-Methodik (Föderales Informationsmanagement) angepasst eingesetzt (, ).

Ausgangslage: Prozessdokumentation ohne Prozessintelligenz

Viele Verwaltungen dokumentieren ihre Prozesse in Handbüchern, Dienstanweisungen oder textlichen Ablaufbeschreibungen, die häufig fragmentiert, schwer auffindbar, nicht aktuell und nicht maschinenlesbar sind (). Dadurch können Abläufe weder automatisiert ausgewertet, noch mit Kennzahlen hinterlegt oder direkt als Grundlage für IT-Implementierungen genutzt werden ().

Medienbrüche, lange Durchlaufzeiten und inkonsistente Bearbeitungswege bleiben ohne standardisierte Prozessmodellierung unsichtbar. Eine modellbasierte Beschreibung mit BPMN 2.0 und FIM-BPMN schafft hier Abhilfe, indem sie fachliche Prozesse in eine formal definierte, über Behörden hinweg verständliche Sprache überführt (, ).

Was genau ist BPMN 2.0?

BPMN (Business Process Model and Notation) ist ein von der Object Management Group (OMG) entwickelter Standard zur grafischen Modellierung von Geschäftsprozessen, der seit 2013 auch als ISO/IEC 19510:2013 international normiert ist (). Ein BPMN-Modell beschreibt Abläufe mit einer definierten Menge von Symbolen und Elementen:

  • Aktivitäten (Tasks) für fachliche Arbeitsschritte
  • Ereignisse für Start, Zwischenereignisse und Ende von Prozessen
  • Gateways für daten- oder ereignisbasierte Entscheidungen und Verzweigungen
  • Sequenzflüsse für die logische Reihenfolge der Prozessschritte
  • Lanes und Pools für Rollen und Organisationseinheiten

Im Unterschied zu einfachen Flussdiagrammen ist ein BPMN-Modell formal definiert, standardisiert und maschinenlesbar. In geeigneten Werkzeugen kann es validiert, analysiert und in einer Process Engine ausgeführt werden, sodass fachliche Modelle direkt als Grundlage für technische Implementierungen dienen ().

Warum BPMN in der deutschen Verwaltung gesetzt ist

Das Bundesverwaltungsamt (BVA) hat BPMN 2.0 als verbindlichen Standard im Prozessmanagement-Toolset der Bundesverwaltung etabliert und mit Best-Practice-Leitfäden, Konventionenhandbuch und Attributkatalog konkretisiert (). Parallel dazu definiert die FIM-Methodik eine verwaltungsspezifische Spezialisierung von BPMN 2.0 (FIM-BPMN), die den Symbolvorrat einschränkt und Modellierungskonventionen festlegt (, ).

Gemeinsame Sprache zwischen Fach und IT

BPMN ermöglicht fachlichen Expertinnen und Experten eine präzise Beschreibung ihrer Abläufe ohne Programmierkenntnisse, während IT-Abteilungen auf derselben Basis Abläufe in Workflows, Schnittstellen und Fachverfahren überführen können (). Damit entsteht eine gemeinsame Prozesssprache, die Missverständnisse reduziert und die Nachvollziehbarkeit von Implementierungsentscheidungen erhöht ().

Behördenübergreifende Standardisierung mit FIM-BPMN

In der FIM-Methodik werden Stammprozesse mit FIM-BPMN modelliert. Die Nutzung von BPMN 2.0 wird hierbei auf eine definierte Menge zulässiger Notationselemente eingeschränkt, um einen einheitlichen Detaillierungsgrad und eine hohe Wiederverwendbarkeit von Prozessmodellen sicherzustellen (, ). Dadurch können Bund, Länder und Kommunen Prozessmodelle austauschen und Nachnutzung systematisch unterstützen ().

Fundament für Automatisierung und OZG-Umsetzung

OZG-Umsetzungsprojekte, Workflow-Plattformen, RPA-Szenarien und KI-gestützte Fallbearbeitung sind auf eindeutig definierte, wiederverwendbare Prozessmodelle angewiesen. BPMN- und FIM-BPMN-Modelle bilden hierfür die Grundlage, indem sie Automatisierungspfade, Schnittstellen und Datenflüsse klar beschreiben und auditierbar machen (, ).

Grundelemente von BPMN 2.0 im Verwaltungsalltag

Die folgenden Basiselemente begegnen praktisch in jedem Verwaltungsprozess und sind im FIM-BPMN-Baukasten klar beschrieben ():

Element Bedeutung im Verwaltungsprozess
Start-Ereignis (Kreis) Auslöser eines Vorgangs, z.B. Eingang eines Antrags.
End-Ereignis (dicker Kreis) Abschluss des Vorgangs, z.B. Versand eines Bescheides.
Aufgabe / Task (Rechteck) Konkreter Bearbeitungsschritt einer Rolle.
Exklusives Gateway (Raute X) Entweder-oder-Entscheidung, etwa Vollständigkeit „ja/nein“.
Paralleles Gateway (Raute +) Gleichzeitige Bearbeitung mehrerer Teilprozesse.
Lane Zuständigkeitsbereich, z.B. Sachbearbeitung, Teamleitung.
Pool Organisationseinheit, z.B. Fachbereich oder Behörde.

In FIM-BPMN werden diese Elemente durch Modellierungskonventionen weiter präzisiert, etwa zur Benennung von Aufgaben, zur Struktur von Pools und zur Darstellung von Datenobjekten und Datenspeichern (, ).

Praxisbeispiel: Wohngeldantrag als BPMN-Modell

Ein klassischer Wohngeldantrag lässt sich mit BPMN und FIM-BPMN wie folgt strukturieren ():

  1. Start-Ereignis: Eingang des Antrags über Online-Portal oder Papierpost.
  2. Task: Formale Vollständigkeitsprüfung durch die Sachbearbeitung.
  3. Exklusives Gateway: Vollständig ja/nein; bei „nein“ Anforderung fehlender Unterlagen, bei „ja“ Übergang zur Fachprüfung.
  4. Task: Fachliche Prüfung der Anspruchsvoraussetzungen.
  5. Task: Berechnung des Wohngeldbetrags.
  6. Task: Erstellung und Versendung des Bescheids.
  7. End-Ereignis: Vorgang abgeschlossen; relevante Daten werden an Fachverfahren und Statistik übergeben.

Ein solches Modell macht nicht nur den Ablauf sichtbar, sondern dient als Grundlage, um Durchlaufzeiten zu messen, Engpässe zu identifizieren und Automatisierungsschritte – etwa automatische Vollständigkeitsprüfungen oder Bescheiderstellung – gezielt zu implementieren (, ).

Reifegrade der BPMN-Nutzung in der Verwaltung

Aus Sicht der Prozessintelligenz lässt sich die Nutzung von BPMN in drei Reifegrade einteilen, die jeweils unterschiedliche Anforderungen an Methodik, Governance und Technologie stellen (, ):

Reifegrad 1 – Dokumentation

Prozesse werden mittels BPMN bzw. FIM-BPMN beschrieben, um Transparenz und Wissenssicherung zu erreichen. Modelle sind grundlegend konform zu FIM und BVA-Konventionen, werden aber primär statisch genutzt, etwa zur Schulung oder zur Dokumentation von OZG-Leistungsprozessen ().

Reifegrad 2 – Optimierung

BPMN-Modelle werden aktiv analysiert, mit Kennzahlen hinterlegt und in Soll-Prozessmodelle überführt. Konventionenhandbuch, Best-Practice-Leitfäden und FIM-Qualitätskriterien dienen als Referenzrahmen für die systematische Prozessoptimierung (, ). Prozessintelligenz entsteht hier durch die Verbindung von Modell, Messung und Managemententscheidungen.

Reifegrad 3 – Automatisierung

In Reifegrad 3 bilden BPMN-Modelle die Grundlage für ausführbare Workflows in Process Engines, automatisierte Schnittstellen und den kombinierten Einsatz von RPA und KI. Änderungen am Prozessdesign wirken kontrolliert in die technische Umsetzung und können versioniert und auditierbar ausgerollt werden (, ). Viele Behörden bewegen sich aktuell zwischen Reifegrad 0 (keine standardisierte Modellierung) und Reifegrad 1, wodurch Optimierungs- und Automatisierungspotenziale noch nicht systematisch genutzt werden ().

Typische Fallstricke bei der BPMN-Einführung

Praxisberichte aus Bund und Ländern zeigen wiederkehrende Herausforderungen bei der Einführung von BPMN und FIM-BPMN ():

  • Zu hohe Detailtiefe zu früh: Statt mit End-to-End-Sichten zu beginnen, werden Teilprozesse unmittelbar sehr granular modelliert und verlieren den Bezug zum Gesamtprozess.
  • BPMN als reines IT-Projekt: Modellierung wird in technische Projekte verlagert, statt fachlich geführt und durch Prozesseigentümer verantwortet.
  • Fehlende Governance: Es fehlen klar definierte Rollen für Prozesseigentum, Qualitätssicherung, Konventionspflege und Schulung.
  • Modelle ohne Nutzungskonzept: BPMN-Modelle werden erstellt, aber weder für OZG-Umsetzung, Kennzahlensysteme, Schulung noch Automatisierung systematisch eingesetzt.

Eine erfolgreiche BPMN-Einführung verbindet Methodik (FIM-BPMN, Konventionenhandbuch), Governance (Rollen, Verantwortlichkeiten) und Technologie (Werkzeuge, Process Engines) zu einem konsistenten Gesamtsystem (, ).

Fazit: BPMN als Infrastrukturbaustein für Prozessintelligenz

BPMN 2.0 – in der Verwaltung konkretisiert durch FIM-BPMN und BVA-Konventionen – ist mehr als ein Modellierungsstandard. Es ist ein Infrastrukturbaustein für Prozessintelligenz: Prozesse werden transparent, vergleichbar und messbar, Optimierungen lassen sich faktenbasiert planen, und Automatisierung wird beherrschbar und anschlussfähig an OZG- und Digitalisierungsprogramme (, ).

Wer über Verwaltungsdigitalisierung spricht, spricht damit zwangsläufig auch über BPMN – als gemeinsame Sprache zwischen Fach und IT und als Grundlage für skalierbare, intelligente Prozesslandschaften (, ).

Weiterführende Beiträge

Literatur

Publikationen

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